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Uhrzeit/ 12:01:57 // Datum/ 2024:Apr:20 / letzte Änderung



 Irgendwo dort hinten ist

die Mulde.
Immer wenn ein Geschichtchen in der Mulde liegt und die Alte dem Eifelhaus den Rücken zu kehrt, dann legt sich der Zauber auf die kleine Gartenwelt.
Die schiefe Hütte sieht dann so aus, wie sie war. Damals. Als der Alte noch lebte. Schon damals gab es diesen leichten Zauberhauch, der uns Gänsehaut erzeugt.
Das war schon immer so. Schon damals, als die Söldner in das Dorf kamen, Es war Krieg. Der Alte lebte etwas Abseits vom Dorf.

Der alte Mann behütete das Buch wie seinen Augapfel. Es gab Tage, da verließ er das Haus nicht, um das Buch nicht in Gefahr zu bringen. Es waren unruhige Zeiten. Oft streiften die Soldaten auf der Suche nach Beute nur zu zweit umher. Der Alte hatte keine Reichtümer. Er hatte nur seine Ziege Mecker, die Kuh Mimmi, den Hund Bello und die Katze Jojo. Er war Schuster. Sein Leben war einsam. Manchmal las er ihnen auch eine Geschichte aus dem Buch vor. Die Tiere wurden dann immer so ruhig, als wenn sie zuhören würden. Der Hund Bello war da und legte Nachts seinen Kopf auf einen Oberschenkel des Mannes. Das war Trost in der Einsamkeit der langen Nächte. Hunger musste er noch nie erleiden, weil er die Tiere und ein Ackerstück hatte. Zusammen mit seinem Handwerk konnte er gut davon Leben. Seine Kinder waren längst aus dem Haus und suchten ihr Glück weit ab ihrer Heimat. Hier war es zu eng und miefig für sie. Die Tage vergingen, vor dem Auftauchen der Söldner, eintönig aber nie langweilig. Das Alter ließ den alten Mann jeden Tag voller Erwartung und fröhlich beginnen.
Er holte Wasser vom Brunnen, als im Dorf ein Hund anschlug. Dann jammerten Frauen und bald brannte es im Dorf.
So schnell er konnte eilte er zu seinem kleinen Hof zurück. Die Söldner hatten die kleine Scheune in Brand gesetzt. Zum Glück stand sie etwas abseits. Lautes Lachen schall aus dem Haus. Sie hatten seinen Weinballon mit dem Erdbeerwein leer getrunken. Einer schoss den Ballon entzwei. Es konnte nicht lange dauern und sie würden das Buch finden. Er musste sie ablenken. Er kam aus seinem Versteck und fragte die Söldner: „Wo ist euer Hauptmann?” „Was willst Du wissen Alter?”, fragte der Söldner, der gerade den Weinballon zerschossen hatte und seine Pistole nach lud.
„Ich wollte euren Hauptmann sprechen”, sagte der Alte mutig.
„Mach das Du fort kommst!”, rief ein besonders kräftig gebauter Söldner und fuchtelte mit einem riesigen Dolch herum.
Der Alte wagte sich näher heran, obwohl einer der Söldner aus dem Haus auf ihn zu kam. Dann ging alles so schnell. Der Söldner schlug ihn mit dem flachen Schwert auf den Kopf und der Alte brach besinnungslos zusammen.
Wäre nicht der Hauptmann hinter dem Haus her vorgekommen, weil er endlich mit seinem großen Geschäft fertig war, hätte man den Alten sicher am nächsten Baum aufgeknüpft. Das machen Söldner so. Ein Menschenleben galt in diesen Zeiten nicht viel. Schon gar nicht, wenn der Mensch keine Waffe führen konnte.
Als der Alte aufwachte, war sein Haus leer geräumt und die Flammen begannen im Hausflur zu züngeln. Er zwang sich, trotz der Schmerzen, Wasser vom Brunnen zu holen. Zum Glück konnte er bald das Feuer löschen.
Bald stellte er fest, das die meisten Sachen, die er besessen hatte und nicht in Sicherheit bringen konnte, verloren waren. Aber was sind schon materielle Sachen, wenn man noch sein Leben hat?
Die Scheune kann wieder aufgebaut werden. Das Buch war weg. Er musste es wieder haben. Es hatte eine besondere Bewandtnis mit dem Buch. Das Buch konnte Gutes bewirken. In falsche Hände gekommen, konnte es Schaden anrichten.

Er musste die Tiere aus dem Versteck holen. Bevor er dies aber tat, ging er zum Dorf und sah sich vorsichtig um. An der Dorfeiche baumelten sie. Leise spielte der Wind mit ihren Leichen. Wie ausgestorben lag das Dorf da. Es hatte nicht viele Einwohner. Alle kannten sich. Der Alte sah die Frau vom Dorfschulzen vor ihrer Haustür.
Er ging den Hügel zur Kirche hinauf. Es war eine alte Kirche mit starken Mauern aus Bruchsteinen der Gegend.
Der Alte steuerte auf die kleine Eichentür des Seiteneinganges der Kirche zu. Er klopfte und horchte. Nichts.
Erst als er laut: „Die Söldner sind weg!”, rief, rührte sich an der Eichentür etwas. Dann wurde sie aufgemacht und Weiber, Kinder und alte Männer drängten sich vorsichtig ins Freie.
Der Alte ging den Dorfbewohnern wortlos voran. Gemeinsam beerdigten sie die Toten. „Ich muss weg”, sagte der Alte und war auch schon verschwunden, kaum das sie im Dorf etwas aufgeräumt hatten.
Er packte Vorräte in den Rucksack und holte seine Tiere. Mimi die Kuh trotte langsam an seiner Seite. Auf dem Rücken der Ziege Mecker ritt Jojo die Maine Coon Katze. Wild sah sie aus, wie sie so ritt. Der Hund Bello suchte vor ihnen die Spur der Söldner. Lange wanderte sie, merkwürdig anzusehen, durch den dunklen Wald. Irgendwo an einer dicken Tanne hatte er seine Feldflasche gefunden. Ein Zeichen, dass sie den Söldner auf der Spur waren.
Dann kamen sie durch ein Tal. Bald bildeten hohe Felsen eine enge Schlucht. Ein reißender Bach stürzte sich durch die Schlucht. Der Weg war gefährlich nah am Abgrund. Mimi die Kuh rutschte ab und an mit ihren Klauen auf dem matschigen Grund aus. Schweigend ging der Alte seiner Gesellschaft hinterher. Der Hund Bello lief plötzlich aufgeregt hin und her. Der Alte rief ihn, band die Kuh Mimmi an einen Baum, wie auch die Ziege Mecker. Jojo die Katze folgte ihm und dem Hund dicht auf. Hinter einem Felsvorsprung versteckt, lauschte der Alte. Eine Frau schrie plötzlich.
Der Alte griff seinen dicken Wanderstab fester und stürmte los. Hinter ihm die Katze Jojo und Bello der Hund. Dann erfasste er die Situation. Einer der Söldner, ausgerechnet der große, kräftige wollte sich über eine Frau hermachen. Zum Glück war er allein. Die Frau hatte ein Kind in den Armen. Ihr Mann lag auf dem Weg und rührte sich nicht. Der Söldner griff nach dem Kind und warf es in ein Gebüsch. Die Frau schrie und wollte zu ihrem Kind. Der Söldner hatte leichtes Spiel. So dachte er. Doch bevor er die Frau greifen konnte, schlug der Wanderstab des Alten auf seinen Kopf ein und er sackte zusammen.
Die Frau wimmerte noch immer. Der Alte sah nach dem Kind und stellte fest, dass es weich im Gebüsch gelandet war. Er brachte es der Frau und kümmerte sich um den Mann, der stark am Kopf blutete. Aber er lebte noch. Bald kam der Mann wieder zu sich. Die Frau verband ihn gekonnt. Der Alte kümmerte sich um Pferd und Wagen der kleinen Bauernfamilie. „Jetzt habe ich nur noch den Hauptmann und die zwei anderen Söldner zu finden. Der hier ist tot. Leider kann er nichts mehr sagen”, meinte der Alte bedauernd und fragte: „War der allein?”
„Ja. Er stürzte sich hinter einen Felsvorsprung auf mich. Ich konnte nichts mehr machen”, meinte der Bauer und hielt sich den Kopf.
„Ich gebe euch die Kuh. Sie heißt Mimi. Geht gut mit ihr um. Ich muss weiter, die Kuh ist zu langsam”, sagte der Alte und sah die Frau an. Die Milch würden sie gut brauchen können.
„Die Kuh kommt uns gelegen.Wir wollen zu unserem Hof. Der liegt eine Stunde von hier versteckt im Wald. Wir wollten zum Markt. Unsere Kuh ist gestorben. Es gibt aber keinen Markt. Da sind nur Söldner. Also wollten wir zurück und da war der da!” Er zeigte auf das Grab, dass sie für den Söldner etwas abseits des Weges hergerichtet hatten.
Der Alte trug am Gürtel das Schwert, als er mit der Ziege Mecker, der Katze Jojo und dem Hund Bello weiter zog.
Die Nacht brach herein. Er musste sich ein Plätzchen zum Schlafen im Wald suchen. Aus Ästen baute er sich ein Schutzdach. Die Ziege zupfte am Grünzeug herum, dass sie reichlich fand. Jojo war auf Jagt in den Wald verschwunden. Bello legte sich zu seinem Herrschen. Der Alte fiel in einen traumlosen Schlaf. Als die Sonne im Tau des Grases blitze, wurde er wach. Die Ziege meckerte leise. Bello spitzte die Ohren. Ganz in der Nähe zogen Menschen vorbei. Vorsichtig näherte sich der Alte dem Waldweg.
Da zogen Händler durch den Wald. Allerlei Waren mussten sie geladen haben, denn die Pferde strengen sich gewaltig an, um die Wagen auf dem weichen Waldweg vorwärts zu ziehen. Der Alte rief hinter ihnen her. Sie erschraken, erkannte aber bald seine friedlichen Absichten. Einen guten Mann mit Schwert kann man in diesen Zeiten immer gebrauchen. Nach Stunden zogen sie in eine Stadt ein. Der Alte erkundigte sich nach dem Hauptmann und den beiden Söldner. Sie waren hier vorbei gekommen. Man hatte die Stadttore verschlossen und sie mussten weiter ziehen. Die Stadt war wehrhaft. Sie witterten Beute und würden sicher Verstärkung holen. Jedenfalls erfuhr der Alte, dass der Hauptmann etwas in ein Tuch gewickeltes bei sich trug. Der Alte erkannte bald, dass der Hauptmann sein Buch in einer seiner Tischdecken gewickelt hatte. Der Hauptmann suchte jemanden, der ihm aus dem Buch vorlas, da er, genau wie seine Söldner nicht lesen konnte. Es wurde Zeit, dass der Alte sein Buch wieder bekam.
Er zog weiter. Bello der Hund suchte die Fährte, die Ziege Mecker ging an seiner Seite und Jojo die Katze ritt auf der Ziege. Die Stadtkinder lachten hinter ihnen her. Kurz bevor er den Weg entlang der langen Stadtmauer abgeschritten hatte und zwischen den Felder gehend, wieder in den Wald eingetaucht wäre, hörte er etwas jammern. Der Hund lief schon los. Die Ziege fraß am Wegesrand und Jojo stürzte sich in einen Heuschober und fing eine Maus. Der Hund war schon längst da. In einem Baum, oben in der Spitze hielt sich krampfhaft ein Jüngling und drohte abzustürzen.
Der Alte kam und als der Jüngling an ihm vorbei flog, gelang es ihm, dessen Flug zu bremsen. Beide stürzten auf den Boden. Der Jüngling war geschockt. Er hatte mit einem harten Aufprall gerechnet.
Der Alte hatte sich einen Arm verdreht, war aber sonst in Ordnung.
„Vielen Dank”, meinte der Jüngling und ehe der Alte etwas sagen konnte war er verschwunden. Der Alte ging zu seiner Ziege und gemeinsam zogen alle weiter. So zog er drei Tage durch den dichten, angst einflößenden Wald. Der Hund hatte immer noch eine Spur. Plötzlich kamen sie an ein altes, halb zerfallenes Kloster. Mitten im Wald herrlich zwischen zwei Seen gelegen, lag es einsam im Nebel verschleiert. Dann sah er den Hauptmann. Sicher hatte der gehofft einen des Lesen kundigen Mönche hier zu treffen.
Das Kloster war aber längst im Krieg zerstört wurden. Hier waren nur die zwei Söldner, der Hauptmann und der Alte mit seinen Tieren. Der Alte wartete die Nacht ab.
Die Ziege band er an einen Baum. Hund und Katze begleiteten ihn, als er dem Lager der Söldner einen Besuch abstattete. Plötzlich verschwand Bello. Der Söldner, der den Ballon zerschossen hatte hielt Wache, die anderen schliefen am Lagerfeuer.

Der Söldner hatte kein Chance. Der Alte wartete hinter einem Mauervorsprung und als der Söldner sich umdrehte, weil Jojo die Katze nach einer Maus sprang, bekam er den Wanderstab über gezogen. Der Alte fesselte ihn.
Dann ging er zum Lagerfeuer. Als er gerade sein Buch unter dem Kopf des Hauptmannes hervor ziehen wollte, griff der Söldner ihn und der Hauptmann stand lachen auf: „Hast Du etwa gedacht, wir schlafen? Für wie dumm hältst Du uns Alter?” Der Alte erwiderte nichts und sah zur Seite.
„Binde ihn und dann wird er hängen!”, sagte noch immer grinsend der Hauptmann. Nach kurzer Zeit dann: „Kannst Du lesen?” Der Alte antwortete noch immer nicht. Selbst in Todesgefahr durfte er nicht aus dem Buch lesen, solange Gewalt in der Nähe war.
„Na gut”, meinte dann der Hauptmann „dann wirst Du hängen!” Der Alte machte eine schnelle verzweifelte Bewegung. Todesangst verlieh ihm unglaubliche Kräfte. Der Söldner war überrascht und musste den Alten, dem er keine so schnelle Bewegung zugetraut hatte loslassen.
Schnell hatte der Hauptmann sein Schwert gezogen. Jojo war schneller. Sie fuhr die Krallen aus und hing schon im Gesicht des Hauptmannes. Der ließ das Schwert los und wand sich und schrie und griff nach der Katze. Die ließ aber nicht los. Der Hauptmann hätte seine Augen mit ausgerissen. Er fiel in Bewusstlosigkeit vor Schmerzen. Sein Augenlicht verlor er auch.
Der Söldner holte aus und hätte dem Alten das Schwert in den Rücken gestoßen, hätte nicht der Jüngling einen schweren Stein direkt auf die schwertführende Hand geworfen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht wollte der Söldner mit der linken Hand weiter kämpfen. Aber da war der Bauer mit dem Stirnverband. Kräftig war der, von der schweren Arbeit auf den Feldern. Der Bauer hatte eine Axt und hieb dem Söldner den Kopf in zwei Teile, dass Blut und Hirn nur so spritzten.
Der Alte hatte unerwartet Helfer, der Hund war nicht vor Angst weggelaufen, als der Alte zum Lager der Söldner ging. Er hatte den Jüngling und den Bauern herangeführt, die dem Alten gefolgt waren, weil er ihnen geholfen hatte. Man kann nie wissen, wann man Freunde braucht. Der Alte ging zum Lager des Hauptmannes und wickelte das Buch aus. „Bevor wir die beiden Kämpfer zum Gericht in die Stadt führen, lese ich euch etwas vor”, sagte der Alte und setzte sich an das Feuer.
Die Ziege Mecker hatte sich losgerissen und kam, wie die Katze Jojo, der Hund Bello, der Jüngling und der Bauer und setzten sich an an das Feuer.
Der Alte las eine Geschichte, die war so schön, dass die Zuhörer, egal ob Mensch oder Tier, verzaubert wurden und tief in ihre Fantasie eintauchten, alle Sorgen vergaßen und Mut und Kraft für das Leben schöpften.
Als der Alte geendet hatte und das Buch zuschlug, dauerte es viele Minuten, ehe jemand etwas sagte.....
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(Ein Auszug!)


© Jörg Segger