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Uhrzeit/ 08:40:54 // Datum/ 2022:Aug:20 / letzte Änderung



 Charly

Es hustet durch die Nacht.

Ich werde wach und weiß zuerst überhaupt nicht, woher dieses trockene Husten kommt!
Irgendwann schaltet mein Gehirn doch auf Betrieb um.
Ich war wach!
Charly hustete. Der Hund war mindestens 14 Jahre alt. Im Laufe der Zeit stand sein Fell immer wüster ab.
Die Haare an den Ohren wurden immer länger.
Er war schon ziemlich grau geworden. War sein Fell auf Rücken, Bauch und Kopf in seiner Jugendzeit gelb, so waren fast alle gelben Fellstellen inzwischen grau geworden. Wenn er gassi ging, brauchte er, wie ein alter Traktor, einige Zeit, in Schwung zu kommen. Beim Entleeren seiner Blase machte er sich manchmal nicht die Mühe, ein Bein zu heben. Immerhin hatte er meistens nicht vergessen, ins Grüne zu kacken und nicht, wie mit einem Zielgerät, genau auf des Weges Mitte. Manche Hunden machen das!

Ich lag im Bett, total wach, total müde und dachte über den alten Hund nach. Der quälte sich beim Husten. Wir werden mit ihm zum Tierarzt gehen.
Der wird helfen.
Das ist auch für uns gut!

Wie war das doch, als wir ihn zum ersten mal im Tierheim gesehen habe? Der Tierheimchef meinte: „Ich habe hier noch einen speziellen Hund für Sie!“
Wir waren im Tierheim, weil wir wieder einem Hund, der etwas Besseres verdient hatte, ein zu Hause geben wollten.
Wir suchten einige Zeit und hatten doch keinen Hund gefunden, der mit mir lange Strecken unterwegs sein könnte.

Dann kam der Tierheimchef mit Charly an, der damals noch einen anderen Namen hatte: „Streuner“, nannte man ihn. Zu recht, denn man hatte ihm am Tierheim aufgegriffen.
(Eine Dame, die arbeitslos war hatte ihn ausgesetzt.)

Später, da wohnte Charly schon bei uns, wollte sie ihn wieder haben. Der Tierheimchef beruhigte uns. Dagmar hatte Tränen in den Augen, wenn sie daran dachte, diesen zotteligen Hund Charly, den mit dem Klappohr, zurückgeben zu müssen!) Als wir unseren späteren Hund zum ersten mal im Tierheim sahen, befiel uns sofort Mitleid.

Er sah hässlich aus! Zwar war er gerade etwa ein halbes Jahr alt, aber mit dem einem Schlappohr und dem zerzaustem Fell und so dürre, wie er war, schockierte sein Aussehen uns doch!
Wir gingen Probegassi.
Er hörte schon auf einige Kommandos.
Das wunderte uns doch.
Vielleicht wollte er sich von seiner guten Seite zeigen. Noch ein paar mal gingen wir Probegassi.

Nach zwei Wochen, früher als angesagt, wurde er von Mitarbeitern des Tierheimes zu uns nach Hause gebracht.
Man kannte uns.

Wir hatten ja vor Jahren schon einen Hund „befreit“, der bei uns etwa 12 Jahre lebte und Ostern 2007 verstorben war. Die Mitarbeiter fanden das neue Heim für Charly gut. Nur das mit dem Vogelkäfig, meinte der Chef, könne ein Problem geben. Einer der Vögel hatte gerade gebadet und ein nasses Gefieder. Charly hatte seine Decke in der Ecke des Wohnzimmer begutachtet.
Der Vogel startete, kam nicht auf Höhe und stürzte mit nassem Gefieder genau vor Charly' s Nase, genau auf seine gerade in Besitz genommenen Decke.
Ein Happs von Charly und das UFO war nicht mehr!
Unser schöner Vogel!
Was sollten wir machen? Charly konnte nichts dafür!
Der Vogel war tot!
Und nun?
Nichts! Weiter geht es.

Der Vogel bekam sein Grab und Charly hatte zuerst einmal einen Minuspunkt oder mehr gesammelt! Dann verließen die Mitarbeiter des Tierheimes, mit guten Wünschen und Spaß für uns mit dem Hunde, unsere Wohnung.

Ich schlief langsam wieder ein.
Charly hustete zwar noch.
Aber leiser als davor.

Unsere kleine Nachtmusik der letzten Tage.
Dieses Husten.
Irgendwann in der Nacht wurde ich erneut wach.
Irgend etwas schlug dauernd an mein Bett!
Charly strampelte mit den Hinterläufen.
Dann auch noch mit den Vorderläufen.
Als würde er im Traum hinter einen Hasen herlaufen.

Oder vielleicht träumte er von seinen vielen Flussläufen, die er mit mir absolvierte. Wenn wir einige Mitläufer dabei hatten, was meistens der Fall war, freundete er sich ganz schnell mit diesen an. Die gehörten sofort zum Rudel. Meistens lief eine Gruppe vorne, es gab einen Mittelteil und eine langsame Gruppe hinten. Charly lief dann bei den Flussläufen nach vorne, schaute sich die Läufer eine Weile an, um dann wieder zu den Läufern ganz hinten zu eilen.
Als wenn er die Gruppen zusammenhalten wollte.
Das machte er sehr oft.
So kam es, dass er mit Sicherheit beim Erft-Spendenlauf z.B. anstatt 115km an den beiden Tagen an die 130 Km lief, obwohl wir ihn für einige Etappen vorsichtshalber ins Auto verbannten. Er quittierte unsere Sorge, er würde sich zu dolle verausgaben, mit lautem Gebell und Winseln. Als wollte er sagen: „Lasst mich doch mit dem Rudel laufen!“ Es half nichts!
Immerhin war er so auch schon am Tag nach dem Lauf kaum in der Lage, Gassi zu gehen. Meisten ging er nur kurz zum nächsten Baum, hob mühsam ein Bein und trottete langsam, wie ein alter Mann, zurück zu seinem Liegeplatz. Das war meistens nach langen Läufen so, an denen er uns begleiten durfte.

Ich schlief wieder ein. Der Takt, den Charly mit den Füßen am Bettkasten machte, wirkte einschläfernd. Immer wieder fielen mir kleine Geschichten ein.

Als ich nach einigen Tagen, nachdem Charly zu uns aus dem Tierheim kam, mit ihm Gassi ging, schauten mich auf dem Weg drei Damen an. Sie sahen immer wieder zum Hund, dann zu mir.
Wenn Blicke wirklich töten könnten, so dachte ich, wäre ich es schon.
Pulverisiert!
Dann meinte die eine der drei, etwas stabilen Damen, die mir im Alter zwischen Mitte fünfzig und Mitte sechzig schienen: „Geben Sie Ihrem Hunde doch mal was zum Essen!
Sie sehen auch nicht gerade dünn aus!“ Dann schien sie mir erleichtert, weil Sie sich getraut hatte, mir die Meinung der drei Damen zu vermitteln.
Ich sagte darauf: „Ach den Schmalen habe ich gerade vor zwei Tagen aus dem Tierheim befreit. Kommen Sie mal in ein paar Wochen wieder hier lang.
Dann wird er ähnlich gut genährt sein, wie sie drei!“ „Hat da einer der drei Damen einen roten Kopf bekommen?“, fragt man sich. Ich weiß es nicht! Jedenfalls schauten die Damen in andere Richtungen. Eine murmelte so etwas wie: „Können wir ja nicht wissen … .“
Dann trennten sich unsere Wege.

Charly lernte schnell. Wie bereits geschildert, konnte er schon, als wir zum ersten mal mit ihm Gassi gingen, "Sitz" und "Platz" auf Kommando machen.
Gut wäre noch, wenn er die Menschen nicht anspringen würde, wenn die ihn rufen und vor allem: Wenn er auf Kommando zu einem kommt, wenn man ihn ruft.
Charly lernte auch das sehr schnell.
Gut, mit dem Anspringen war es so eine Sache.
Marko, unsere ältester Sohn hat ihm wieder beigebracht, doch zu springen. Schade! Außerdem läuft Charly immer zu Leuten, die von weitem rufen.
Auch wenn sie rufen: „Nehmen Sie ihren Hund an die Leine!“ Würden diese Menschen nicht rufen, Charly würde sie nie beachten.
Gut!
Also riefen wir ihn zu uns, wenn wir einen Radfahrer oder Fußgänger sahen.
Meistens kam er.
Nur, wenn er mehr als 30 Meter weg war, schienen die Ohren zugemüllt mit Rufen von Abenteuern, die auf ihn warten würden. Dann kam er manchmal eben nicht!
Schade!
Das war so, als ich ihn zum ersten mal ohne Leine laufen lies. Er hörte ganz toll.
Plötzlich ein Hase, der aus der Sasse heraus startete.

Charly war 30,5 Meter weit weg.
Kein Rufen half mehr.
Das war es dann mit unserem Hund. Nach einem Kilometer würde er Straßen erreichen.

Wer weiß, wohin der Hase lief! Charly blieb verschwunden. Kein Rufen half. Ein Jäger aus unserem Ort, den ich öfter mit seinem gut abgerichteten Jagdhund sah, meinte noch, als er mich sah: „Der ist eben hier vorbei gelaufen!“

Ich lief nach Hause.
Gerade wollte ich mir die richtigen Worte zurechtlegen, weil Dagmar so an Charly hängt, als ich ihn vor der Eingangstür völlig gesund wieder sah. Sehr gut! Jemand berichtete mir später, der Hund habe an den Ampeln gewartet, bis die Autos vorbei gefahren waren. Dann lief er erst über die Ampel. Ab udn an schon mal bei Rot!

Später, auch bei Läufen und Spaziergängen im Wald, rückte er manchmal aus. Rehen oder Hirschen hinterher zu jagen, bereitete ihm oft Vergnügen. Wenn auch ohne Chance, jemals näher an diese heranzukommen.
Als ich ihn die erste Zeit zum Joggen mitnahm, ging das ja nur mit Leine. Auch später musste er noch an die Leine, wenn wir durch Wälder oder bei Laufveranstaltungen liefen.
Da lernte ich dann Wiederanlaufen.
Unterwegs roch er plötzlich was Leckeres, blieb abrupt stehen – meistens schaffte man es selber, rechtzeitig zu stoppen, manchmal musste man über ihn springen – schnüffelte und dann musste man wieder anlaufen.

Bei Laufveranstaltungen zog er immer.
Seitlich.
Hinter der Meute her.
Das war sehr anstrengend.
Ein Läufer meinte mal: „Gib mir den Hund.
Der zieht dich ja so toll!“ Ich gab ihn Charly mit der Leine. Ich war entlastet.
Nach kaum zweihundert Metern hatte ich allerdings Charly wieder. Niemals wieder wollte je ein Läufer den schräg ziehenden Charly ausgeborgt haben! Ach ja, die Killerkatze fällt mir auch noch ein.

Eine Katze, die am Straßeneingang in einem Haus bei uns wohnte, saß immer unter einem Auto der Familie. Kam Charly vorbei, schoss sie unter dem Auto hervor und griff Charly an. Nicht selten verpasste sie ihm eine Ohrfeige mit ihren Krallen. Die Katze ist irgendwann von einem anderen Hund gebissen und später dann von einem Auto überfahren worden. Autos greift man nun mal als Katze nicht an!

Einmal hat er unterwegs, beim Joggen, viele Mäuse gefangen. Die meisten hat er nicht gefressen. Er wusste, dass er es nicht sollte. Die Mäuse haben oft Parasiten. Klar bekam unser Hund regelmäßige Wurmkuren. Aber er sollte ja keine Mäuse fressen. Daran hielt er sich meistens. Nur manchmal fing er eine Maus und versteckte sie in seinem Maul. Er hielt das Maul dann gekonnt zu und meinte, man bemerkte es nicht. Vorrat, den er später verzehren wollte. Er sah mich dann an und tat so, als hätte er keine Maus im Maul. Man sah aber, wie er sich bemühte, das Maul so zu halten, als würde es aussehen, dass er keine Maus darin versteckt hielt. Das war irgendwie lustig.

Jetzt hustet er kaum noch. Die Tabletten wirken. Man darf Charly nun nicht mehr zu doll fordern. Ein Vorgeschmack auf unser Leben im Alter: Viel Schlaf, wenig Anstrengung und gutes Futter. Gelegentlich auch mal eine Tablette hier oder da.
Und viel von den guten Zeiten träumen!

JS
Juni 2020
Bearbeitet 2022
Korrektur III



JSEGG 01.01.2022